Brief an Außenminister Wadephul - Freilassung von Dr. Abu Safiya
Sehr geehrter Herr Außenminister Dr. Wadephul,
anlässlich Ihrer Reise nach Israel möchten wir, als Vertretungen deutscher
Ärzteorganisationen, Sie mit äußerstem Nachdruck bitten, sich für das Leben unseres
kinderärztlichen Kollegen Dr. Hussam Abu Safiya einzusetzen, das nach unseren
Informationen unmittelbar in Gefahr ist.
Gemäß Genfer Konventionen (insb. Artikel 18 des IV Genfer Abkommens) gilt für
medizinisches Personal in Konfliktzonen besonderer Schutz. Die Bundesrepublik Deutschland
steht historisch wie verfassungsrechtlich in einer besonderen Verantwortung weltweit gegen
Folter, gegen juristische und staatliche Willkür und für rechtsstaatliche Prinzipien einzutreten.
Angesichts des akut lebensbedrohlichen Zustands unseres Kollegen Dr. Hussam Abu
Safiya, schließen wir uns, dem Aufruf unserer israelischen Kolleginnen und Kollegen von
Physicians for Human Rights Israel (PHRI) an:
„Physicians for Human Rights appelliert dringend an Sie, bei den israelischen Behörden
in der Angelegenheit von Dr. Hussam Abu Safiya zu intervenieren, um sicherzustellen,
dass seine Gesundheit und sein Leben gerettet werden. Dieses Ersuchen folgt auf einen
Besuch eines Anwalts, bei dem sich herausstellte, dass sich sein Zustand nach den
rechtlichen Schritten zur Forderung seiner Freilassung drastisch verschlechtert hat.
Neue Informationen, die von Anwalt Nasser Odeh, dem Rechtsvertreter von Dr. Abu
Safiya und Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, nach seinem Besuch bei Dr. Abu
Safiya am vergangenen Donnerstag, dem 2. Juli, in der unterirdischen Einrichtung
Rakefet im Nitzan-Gefängnis übermittelt wurden, deuten auf eine schwere
Verschlechterung seines Zustands hin, bis hin zu einer konkreten und unmittelbaren
Lebensgefahr. (...)
(Dr. Aby Safiya) wies frische, schwere Verletzungen am Kopf, um die Augen sowie an
Ohren und Hals auf – so ausgeprägt, dass sein Anwalt ihn zunächst kaum
wiedererkannte.
Während des Besuchs hatte Dr. Abu Safiya Schwierigkeiten zu atmen und fortlaufend
zu sprechen. Er wirkte extrem schwach, hatte Mühe, aufrecht zu sitzen, ohne
umzufallen, und schien mehrfach kurz vor einer Bewusstlosigkeit zu stehen. (...)
Weitere extrem besorgniserregenden Details können Sie der beigelegten Stellungnahme
unserer israelischen Kolleginnen und Kollegen entnehmen. Darin wird Dr. Abu Safiya auch
mit der folgenden alarmierenden Äußerung gegenüber seinem Anwalt zitiert: „Das ist das
letzte Mal, dass Sie mich sehen werden … Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu
töten. Ich sehe mich nicht überleben. Das ist das Ende.“
Am 27. Dezember 2024 war Dr. Hussam Abu Safiya, Kinderarzt und Leiter des Kamal-Adwan-
Krankenhauses im Gouvernement Nordgaza, vom israelischen Militär zusammen mit weiterem
Krankenhauspersonal und in Behandlung befindlichen Patient*innen willkürlich inhaftiert.
Die aktuelle Entwicklung ist von folgenden Maßnahmen geprägt: Am 28. April 2026
genehmigte das israelisches Bezirksgericht Be’er Scheva die Verlängerung der willkürlichenInhaftierung von Abu Safiya nach dem Gesetz über "ungesetzliche Kombattanten", ohne
Anklage gegen ihn zu erheben. Dagegen legte Dr. Abu Safiya Berufung ein, welche am 16. Juni
2026 vom Obersten Gerichtshof Israels zurückgewiesen wurde.
Seit dem 3. Juni befindet er sich in Einzelhaft, was die nach den Nelson-Mandela-Regeln
zulässige Dauer von 15 aufeinanderfolgenden Tagen überschreitet und somit gegen das Verbot
von Folter und anderer Misshandlung verstößt. Nach Aussagen von PHRI und seinem
Rechtsanwalt erfolgte die dramatische Eskalation der Misshandlung in Form von regelmäßigen
Schlägen und mutmaßlicher Folter kurz nach Einreichung der rechtlichen Schritte.
Hinzu kommt, dass die israelische Strafvollzugsbehörde ihm die medizinische Versorgung für
seine gesundheitlichen Beschwerden verweigert.
Wir teilen die ernste Besorgnis von Physicians for Human Rights Israel und betonen
nachdrücklich, dass angesichts des kritischen Zustands von Dr. Abu Safiya jede Verzögerung
des Eingreifens die unmittelbare Lebensgefahr weiter erhöht.
Als Vertretungen deutscher Ärzteorganisationen appellieren wir gemeinsam mit unseren
isrealischen Kolleg:innen an Sie, gegenüber Ihren israelischen Gesprächspartnern
nachdrücklich auf Folgendes hinzuwirken:
- Alle Formen von Folter, Misshandlung und willkürlicher Inhaftierung müssen
beendet und seine Sicherheit und körperliche Unversehrtheit gewährleistet werden.
Darunter fällt die sofortige Freilassung von Dr. Abu Safiya und aller palästinensischen
Gesundheitsfachkräfte, die willkürlich ohne Anklage oder ordentliches
Gerichtsverfahren inhaftiert wurden;
- Sofortiger Zugang zu unabhängiger medizinischer Versorgung und einer
umfassenden medizinischen Untersuchung.
- Sofortige unabhängige Überwachung der Haftbedingungen in isrealischen
Gefängnissen, einschließlich eines dringenden Besuchs von Justizvertretern und
internationalen Beobachtern in der Haftanstalt Rakefet;
In der Hoffnung auf einflussreiche und erfolgreiche Gespräche,
Dr. med. Uwe Trieschmann
im Namen von IPPNW
(Deutsche Sektion der International Physicians for Prevention of Nuclear War)
Dr. phil. Nadja Rakowitz
im Namen von VdÄÄ*
(Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte)
Dr. med. Laura Schlemmer
im Namen von Medsolidar
(Initiative von Ärzt:innen und Gesundheitsberufen)
Dr. med. Katja Schemionek
Ärztin für Allgemeinmedizin, Expertin Globale Gesundheit