Brief an Außenminister Wadephul - Freilassung von Dr. Abu Safiya

07.07.2026 medsolidar, IPPNW und vdä* fordern den Aussenminister in einem Brief auf, sich für die Freilassung unseres Kollegen Dr. Abu Safiya sowie den 82 weiteren medizinischen Gefangenen einzusetzen.

Sehr geehrter Herr Außenminister Dr. Wadephul,

anlässlich Ihrer Reise nach Israel möchten wir, als Vertretungen deutscher

Ärzteorganisationen, Sie mit äußerstem Nachdruck bitten, sich für das Leben unseres

kinderärztlichen Kollegen Dr. Hussam Abu Safiya einzusetzen, das nach unseren

Informationen unmittelbar in Gefahr ist.

Gemäß Genfer Konventionen (insb. Artikel 18 des IV Genfer Abkommens) gilt für

medizinisches Personal in Konfliktzonen besonderer Schutz. Die Bundesrepublik Deutschland

steht historisch wie verfassungsrechtlich in einer besonderen Verantwortung weltweit gegen

Folter, gegen juristische und staatliche Willkür und für rechtsstaatliche Prinzipien einzutreten.

Angesichts des akut lebensbedrohlichen Zustands unseres Kollegen Dr. Hussam Abu

Safiya, schließen wir uns, dem Aufruf unserer israelischen Kolleginnen und Kollegen von

Physicians for Human Rights Israel (PHRI) an:

„Physicians for Human Rights appelliert dringend an Sie, bei den israelischen Behörden

in der Angelegenheit von Dr. Hussam Abu Safiya zu intervenieren, um sicherzustellen,

dass seine Gesundheit und sein Leben gerettet werden. Dieses Ersuchen folgt auf einen

Besuch eines Anwalts, bei dem sich herausstellte, dass sich sein Zustand nach den

rechtlichen Schritten zur Forderung seiner Freilassung drastisch verschlechtert hat.

Neue Informationen, die von Anwalt Nasser Odeh, dem Rechtsvertreter von Dr. Abu

Safiya und Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, nach seinem Besuch bei Dr. Abu

Safiya am vergangenen Donnerstag, dem 2. Juli, in der unterirdischen Einrichtung

Rakefet im Nitzan-Gefängnis übermittelt wurden, deuten auf eine schwere

Verschlechterung seines Zustands hin, bis hin zu einer konkreten und unmittelbaren

Lebensgefahr. (...)

(Dr. Aby Safiya) wies frische, schwere Verletzungen am Kopf, um die Augen sowie an

Ohren und Hals auf – so ausgeprägt, dass sein Anwalt ihn zunächst kaum

wiedererkannte.

Während des Besuchs hatte Dr. Abu Safiya Schwierigkeiten zu atmen und fortlaufend

zu sprechen. Er wirkte extrem schwach, hatte Mühe, aufrecht zu sitzen, ohne

umzufallen, und schien mehrfach kurz vor einer Bewusstlosigkeit zu stehen. (...)

Weitere extrem besorgniserregenden Details können Sie der beigelegten Stellungnahme

unserer israelischen Kolleginnen und Kollegen entnehmen. Darin wird Dr. Abu Safiya auch

mit der folgenden alarmierenden Äußerung gegenüber seinem Anwalt zitiert: „Das ist das

letzte Mal, dass Sie mich sehen werden … Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu

töten. Ich sehe mich nicht überleben. Das ist das Ende.“

Am 27. Dezember 2024 war Dr. Hussam Abu Safiya, Kinderarzt und Leiter des Kamal-Adwan-

Krankenhauses im Gouvernement Nordgaza, vom israelischen Militär zusammen mit weiterem

Krankenhauspersonal und in Behandlung befindlichen Patient*innen willkürlich inhaftiert.

Die aktuelle Entwicklung ist von folgenden Maßnahmen geprägt: Am 28. April 2026

genehmigte das israelisches Bezirksgericht Be’er Scheva die Verlängerung der willkürlichenInhaftierung von Abu Safiya nach dem Gesetz über "ungesetzliche Kombattanten", ohne

Anklage gegen ihn zu erheben. Dagegen legte Dr. Abu Safiya Berufung ein, welche am 16. Juni

2026 vom Obersten Gerichtshof Israels zurückgewiesen wurde.

Seit dem 3. Juni befindet er sich in Einzelhaft, was die nach den Nelson-Mandela-Regeln

zulässige Dauer von 15 aufeinanderfolgenden Tagen überschreitet und somit gegen das Verbot

von Folter und anderer Misshandlung verstößt. Nach Aussagen von PHRI und seinem

Rechtsanwalt erfolgte die dramatische Eskalation der Misshandlung in Form von regelmäßigen

Schlägen und mutmaßlicher Folter kurz nach Einreichung der rechtlichen Schritte.

Hinzu kommt, dass die israelische Strafvollzugsbehörde ihm die medizinische Versorgung für

seine gesundheitlichen Beschwerden verweigert.

Wir teilen die ernste Besorgnis von Physicians for Human Rights Israel und betonen

nachdrücklich, dass angesichts des kritischen Zustands von Dr. Abu Safiya jede Verzögerung

des Eingreifens die unmittelbare Lebensgefahr weiter erhöht.

Als Vertretungen deutscher Ärzteorganisationen appellieren wir gemeinsam mit unseren

isrealischen Kolleg:innen an Sie, gegenüber Ihren israelischen Gesprächspartnern

nachdrücklich auf Folgendes hinzuwirken:

- Alle Formen von Folter, Misshandlung und willkürlicher Inhaftierung müssen

beendet und seine Sicherheit und körperliche Unversehrtheit gewährleistet werden.

Darunter fällt die sofortige Freilassung von Dr. Abu Safiya und aller palästinensischen

Gesundheitsfachkräfte, die willkürlich ohne Anklage oder ordentliches

Gerichtsverfahren inhaftiert wurden;

- Sofortiger Zugang zu unabhängiger medizinischer Versorgung und einer

umfassenden medizinischen Untersuchung.

- Sofortige unabhängige Überwachung der Haftbedingungen in isrealischen

Gefängnissen, einschließlich eines dringenden Besuchs von Justizvertretern und

internationalen Beobachtern in der Haftanstalt Rakefet;

In der Hoffnung auf einflussreiche und erfolgreiche Gespräche,

Dr. med. Uwe Trieschmann

im Namen von IPPNW

(Deutsche Sektion der International Physicians for Prevention of Nuclear War)

Dr. phil. Nadja Rakowitz

im Namen von VdÄÄ*

(Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte)

Dr. med. Laura Schlemmer

im Namen von Medsolidar

(Initiative von Ärzt:innen und Gesundheitsberufen)

Dr. med. Katja Schemionek

Ärztin für Allgemeinmedizin, Expertin Globale Gesundheit